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11–Wenn alle dasselbe denken, denkt irgendjemand nicht mit

(Afrikanische Volksweisheit)

 

 (Montag Vormittag, auf der Autobahn 3)

 

Laura durchlebte die Hölle, da sie dieser Situation vollkommen ausgeliefert war und sie kein Ende zu nehmen schien. Man hatte ihren Körper missbraucht, ihn abgefüllt mit einem sicheren Todesmittel. Sie wagte es nicht, sich zu regen, hatte sich noch nicht mal angeschnallt! Eine übermächtige Angst sorgte dafür, dass sie erstarrt war.

Sie hatte die Hoffnung gehabt, dass sie nach dem Waffen- und Drogengeschäft einfach wieder zurückfahren würden, schlimmstenfalls hätte sie mit den Geschäftspartnern schlafen müssen, doch dass man sie nun als Muli, wie Niko es ausgedrückt hatte, missbrauchte, glich einem Todesstoß. Wie sollte das Zeug denn wieder raus? Etwa durch den Darm? Und wenn dann eine Kapsel platzte, kam sie nicht mehr lebend vom Klo runter?! Seit sie das Zeug verabreicht bekommen hatte, traute sie Niko sogar zu, dass er ihren Tod billigend in Kauf nahm.

Ihr Herz schlug hart und kräftig, als wollte es ihren Brustkorb sprengen, ihre Glieder waren zum Leben erwacht und sie spürte den Drang zu flüchten oder das Fenster aufzumachen, um nach Hilfe zu rufen. Doch zugleich wusste sie, dass es klüger war, ruhig zu bleiben, anstatt jung zu sterben – auf der Rückbank eines Autos, irgendwo auf der Autobahn.

Laura konnte sich im Augenblick nicht vorstellen, wie ihr Leben weitergehen sollte. Würde Niko sie etwa einfach so laufen lassen, wenn er seine Drogen wieder hatte?

Wenn er ihr tatsächlich die Freiheit schenkte, wäre ihr Leben nicht mehr das gleiche. Sie war gedemütigt, entwürdigt, jeglichen Selbstwertgefühls beraubt! Dem Tod unter solchen Umständen ins Antlitz zu blicken, war grauenhaft.

Ihr Magen fühlte sich an wie ein Fremdkörper. Sie spürte den Druck der zehn Kapseln und hasste dieses Gefühl, hasste ihren Magen dafür, dass er die Kapseln aufgenommen hatte. Sie hasste sich selbst dafür, dass sie so demütig und willenlos alles über sich ergehen lassen hatte. Wie sollte sie sich jemals wieder im Spiegel betrachten können?!

 

Am Autobahnkreuz Frankfurt wechselte Niko von der A3 auf die A6, die sie Richtung Heilbronn führte.

»Was machst du als Erstes, wenn wir in Stuttgart sind?«, wollte Gori von Niko wissen.

Niko musste zuerst überlegen, da er sich darüber noch keine Gedanken gemacht hatte.

Die meiste Zeit über fuhren sie unauffällig auf der rechten Spur und Gori wollte schon vorschlagen, links zu fahren, denn ein A8, der nicht links fuhr, war fast genauso auffällig wie ein BMW, der ohne Nebelscheinwerfer und gesetztem Blinker unterwegs war – aber er ließ es besser.

»Zuerst fahren wir zu Ricky nach Vaihingen und lassen den Wagen verschwinden. Dort laden wir alles in meinen Golf um und fahren dann zu einem hübschen Plätzchen, wo wir ungestört darauf warten können, dass Laura mal muss«, erwiderte er schließlich und warf Gori einen flüchtigen Seitenblick zu.

»Und was machen wir danach mit Laura?«

Niko blickte sie abschätzig im Innenspiegel an und überlegte kurz.

»Die lassen wir gehen. Ich entferne alle Spuren, dann kann sie behaupten, was sie will. Wenn sie zu den Bullen geht, steht Aussage gegen Aussage«, sagte er.

Gori war angenehm überrascht. Er hatte erwartet, dass er Laura nicht so einfach ziehen lassen würde. Eher hätte er gedacht, dass er ihr Drogen verabreichen würde, um sie abhängig zu machen und damit unter Kontrolle zu haben. Allerdings mochte er an einen friedlichen Ausgang, wie Niko ihn eben beschrieben hatte, noch nicht so recht glauben. Doch er schwieg. Insgeheim fürchtete er, Laura könnte sie bei der Polizei anzeigen. Allmählich realisierte er, in was für eine Sache er da hineingeraten war und fragte sich ernsthaft, ob er sich bei Laura entschuldigen sollte.

Gori drehte sich zu ihr um. Er wollte sehen, wie es ihr ging. Sie sah blass und kraftlos aus, ihre schmutzige Bluse klebte schweißnass an ihrem Körper und war in der Armbeuge blutig. Ihr Augen bewegten sich nicht, starrten nur ausdruckslos ins Nichts, ihr Atem ging flach und gleichmäßig. Auch wenn sie durcheinander wirkte und ausgemergelt aussah, war da noch etwas anderes, was Gori Sorgen machte. Sie strahlte eine stoische Ruhe aus, als glaubte sie sich in Todesgefahr und jeglicher Widerstand sei zwecklos. Als hätte sie sich ihrem Schicksal kampflos ergeben. Gori spürte Kälte im Nacken und drehte sich wieder nach vorne.

»Was passiert, wenn eine Kapsel platzt?«, wollte Gori wissen.

Niko blickte zuerst zu Gori und dann über den Innenspiegel zu Laura.

»Dann kriegt sie Angstzustände, Krampfanfälle und Herzrasen. Ihre Pupillen werden groß und ihre Körpertemperatur kann rapide steigen. Außerdem kann sie Lähmungserscheinungen bekommen; und wenn die Dosis zu hoch war, kann ihr Herz einfach stehen bleiben«, sagte Niko wie beiläufig.

Gori musste schwer schlucken und warf nochmal einen Blick auf Laura. Angstzustände durchlebt sie wahrscheinlich jetzt schon, dachte er sich.

Niko schlug ihm unvermittelt mit der flachen Hand laut klatschend auf den Oberschenkel.

»Hey, hast du etwa Mitleid mit dieser Schlampe?! Ich glaube, ich spinn’!«, meinte er. »Mann, die ist okay, glaub mir. Die würde ganz anders abgehen, wenn was geplatzt wär’.«

»Okay, ich glaub’s dir ja«, stieß Gori schnell hervor, ehe er noch mehr Schläge einstecken musste.

»Und wenn sie uns doch mehr Schwierigkeiten macht, müssen wir sie halt beseitigen!«, fügte Niko noch trocken hinzu.

Gori hatte es geahnt! Niko war tatsächlich zu allem fähig, er würde selbst vor Mord nicht zurückschrecken. Würde er sich etwa gegen Niko stellen und Laura verteidigen, wenn es so weit kommen sollte? Gori war ratlos und bekam allmählich Angst vor ihm. Was machte Niko mit ihm, wenn er sich weigerte mitzumachen? Würde er dann gleich mitbeseitigt werden?!

»Hast du schon mal jemanden getötet?«, fragte Gori behutsam.

»Nein«, sagte er, »aber wenn es erforderlich wäre, würde ich nicht zögern!«

Gori sah sich schon ein Grab für Laura ausheben. Oder wie er sie in einen alten Teppich einrollte, um sie im Neckar zu versenken. Bei diesen Gedanken packte ihn das blanke Grauen. Um sich etwas abzulenken, griff Gori in seinen Rucksack und zog die letzte Dose Bier heraus. Er öffnete sie mit einem gedehnten Zischen.

»Bier zum Frühstück! Du bist echt widerlich!«, tönte Niko.

Gori leerte das Bier Schluck für Schluck und spürte, wie die beruhigende Wirkung des Alkohols einsetzte. Normalerweise bedurfte es mehr als nur eines Bieres, aber da er dieses auf nüchternen Magen trank, wirkte es umso stärker.

»Warum hast du eigentlich keine vernünftigen Waffen gekauft? Wer braucht schon so was wie eine Walther?! Wieso keine Uzi oder Kalaschnikow?«, wollte Gori wissen und beobachtete die Begrenzungspfosten, die an ihnen vorbeiflogen.

Niko musste etwas abbremsen, um den Abstand zum Vordermann einzuhalten. Keiner, der Niko kannte, würde glauben, dass er so korrekt fahren konnte.

»Weil die Kleinen zurzeit sehr gut gehen. Zur Selbstverteidigung kann man die Dinger viel besser in einer Tasche oder in der Jacke verstecken. Eine Uzi besorg ich mir im Osten, da sind die billiger. Außerdem kann man die Uzi und Kalaschnikow nur auf dem Balkan gut loswerden, allerdings gibt es da zurzeit verschärfte Kontrollen«, erklärte Niko.

»Warum machst du das eigentlich?!«, bohrte Gori nach.

Niko warf ihm abermals einen flüchtigen Blick zu.

»Was meinst du?! Ich mach das, um Geld zu verdienen, was denkst du denn?!«, gab er barsch zurück.

»Warum mit Waffen und Drogen?«, zeigte Gori sich interessiert. Vielleicht, weil er abschätzen wollte, wie ernst Niko seine Morddrohung meinte.

»Was soll die blöde Fragerei?! Seit wann interessierst du dich für mein Leben?!«, entgegnete dieser.

»Ich frag nur so. Ich guck, dass ich irgendwo eine Lehre mache und Arbeit finde.«

»Was du machst, ist mir so was von egal. Ich hab meine Schlosserlehre geschmissen, weil es nichts gebracht hat! Außerdem wollte ich dich zu meinem Assistenten machen«, meinte Niko dann versöhnlich.

Gori musste schwer schlucken.

»Was soll das heißen?! Dass ich dann die Drecksarbeit machen darf?«

Niko nickte.

»Klar, für die Hälfte vom Ertrag«, schlug er vor.

Gori schüttelte kaum sichtbar den Kopf.

»Ich steig doch nicht ins Drogengeschäft ein!«, entgegnete er aufgebracht. »Wie kommst du überhaupt dazu, so was zu machen?«, wollte er dann ehrlich interessiert wissen.

»Was kümmert dich das plötzlich?!«, entrüstete sich Niko, zeigte sich dann aber doch bereit, ihm mehr von sich preiszugeben. »Wenn du’s genau wissen willst, erzähl ich’s dir. Die meiste Kohle gebe ich meiner Mutter. Sie weiß nicht, woher es ist, sie denkt, ich verdiene es bei ehrlicher Arbeit. Dabei hat sie es verdient, Mann! Verstehst du?! Sie hat es einfach verdient, hat genug Schmerz und Scheiß in ihrem Leben erlebt, dass sie es einfach verdient hat. Setzt uns zwei Problemkinder in die Welt und wird noch dazu von so einem Arschloch beschissen, der ihr Mann sein soll. Dieser Idiot haut einfach mit meinem kleinen Bruder nach Griechenland ab und lässt nie wieder was von sich hören! Jahrelang ließ er es sich gut gehen in Deutschland, lässt sich bekochen und seine dreckige Wäsche waschen, nur damit er mehr Zeit hat, uns zu quälen; meinen Bruder, meine Mutter und mich! Immerzu hat er auf uns eingedroschen, weil er die meiste Zeit des Tages besoffen war. Der hat den ganzen Tag nichts anderes getan, als Ouzo zu trinken und uns zu tyrannisieren. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was er sich einfallen lassen hat, um uns zu quälen. Mit Stöcken hat er uns auf die Handknochen geschlagen, mit einem Ledergürtel den nackten Rücken ausgepeitscht und das bloß, weil wir zu spät von der Schule kamen oder weil wir schlechte Noten hatten. Als mein kleiner Bruder dann auch noch mit Rauchen und Saufen angefangen hat, hab ich mich um ihn gekümmert, damit was aus ihm wird. Aber er hat nicht auf mich gehört. Er hat sich einfach nichts sagen lassen und hat weiter gesoffen. Dieser miese Typ von Vater hat mich dafür bezahlen lassen, dass mein Bruder so geworden ist, hat die ganze Schuld auf mich geschoben, weil ich ja sein großer Bruder bin und auf ihn aufpassen sollte.

Was glaubst du, was ich mir schon alles ausgedacht hatte, um ihn loszuwerden? Zuerst wollte ich nur abhauen! Zusammen mit meinem Bruder durchbrennen, nur weg von diesem Deppen. Aber dann wusste ich, dass er das Leben meiner Mutter zur Hölle machen würde, weil sie dann Schuld daran wäre, dass wir auf und davon sind. Deshalb hatte ich mir vorgenommen, ihn zu töten. Ich konnte nachts nicht mehr schlafen, weil ich Mordpläne schmiedete«, erzählte Niko, blickte konzentriert in die Ferne und sah dabei Bilder aus der Vergangenheit vorbeifliegen. »Zigaretten hat er auf dem Arm meines Bruders ausgedrückt, und als er sich gewehrt hat, bekam er die Faust ins Gesicht und am nächsten Tag musste er das irgendwie in der Schule erklären. Wehe, die schöpften Verdacht und tauchten bei uns auf! Ich hatte gebetet, dass es nie so weit kommen möge, aber er konnte es vor den Lehrern nicht mehr verheimlichen. Sie kamen eines Tages und nahmen meinen Bruder mit!«

Niko hatte das Tempo unbewusst erhöht, sodass er zu dicht auf den Vordermann auffuhr.

»Deshalb hat mich mein Vater an diesem Tag verprügelt, wie ich in meinem Leben noch nie verprügelt worden war. In dieser Nacht nahm ich mir fest vor, ihn zu töten. Ich sollte das Letzte sein, was er sieht, bevor er krepiert!

Ich schlich morgens mit einem Messer ins Schlafzimmer, stellte mich neben ihn vors Bett und hab ihm die kalte Klinge an den Hals gehalten. Aber ich hab zu lange gezögert, er muss was gespürt haben, denn plötzlich hat er die Augen aufgeschlagen. Ich hielt ihm das Messer immer noch an den Hals und konnte mich nicht rühren. Versuch mal jemanden zu töten, der dir direkt in die Augen schaut! Dabei hatte ich mir fest vorgenommen, ihm die Kehle aufzuschlitzen. Dann fing meine Hand an zu zittern und das machte ihn ganz nervös, bis er laut nach meiner Mutter rief. Sie hat sich zu uns umgedreht und sofort angefangen zu schreien. Ich bin aus dem Schlafzimmer gerannt und hab mich in meinem Zimmer eingeschlossen. Er hat dann ein paar Sachen zusammengepackt, das Auto genommen und meinen Bruder vor der Schule abgefangen. Seither habe ich meinen Bruder nie wieder gesehen! Ich weiß nicht, warum er meinen Bruder mitgenommen hat und eigentlich weiß ich auch nicht, ob sie wirklich in Griechenland sind. Aber ich denke, mein Bruder wäre längst wieder aufgetaucht, wenn sie irgendwo in Deutschland wären.«

Gori sagte nichts und wagte auch nicht, sich zu bewegen, denn alles was er jetzt hätte sagen können, wäre unangebracht gewesen, und hätte Niko höchstens wütend gemacht. Was er da eben zu hören bekommen hatte, erstaunte ihn zutiefst, denn noch nie hatte Niko so viel aus seinem Privatleben erzählt, erst recht nicht ihm. Niko, der knallharte Kriminelle, den nichts erschüttern konnte, fühlte sich für seinen jüngeren Bruder verantwortlich?! So etwas wie Mitgefühl und Verantwortung hatte Gori an Niko für so wahrscheinlich gehalten, wie eine Frau in der Marlboro Werbung.

Dadurch konnte er Nikos krumme Geschäfte etwas besser verstehen, auch wenn das keine Gewalt rechtfertigte. Allerdings hatte Niko es in seinem Leben bisher nicht anders gelernt, als Konflikte mit Fäusten zu lösen.

Niko hatte nur noch seine Mutter und die sollte es gut haben, ihr sollte es an nichts fehlen. Das war ehrbar, aber leider wandte Niko dafür die falschen Mittel an.